© 2011 Michael Jochum
Von Martin
Paulus
für
Michael Jochum
Anlässlich
der Ausstellung „Augen für die Dauer der Dinge“
Neue Galerie
Landshut 25.April bis 17.Mai 2009
CAMERA
OBSCURA Durch einen sehr schmalen Spalt im augenblauen Schleier
der Vorhänge fällt der fadendünne Strahl... Eine in den Raum geworfene Träne aus
Licht, die lautlose Projektion eines Zeitflecks. Schmerzpunkt Wundmal...
Immer und immer wieder: jene stummen Stigmata an purpurfarbenen
Wänden. Lichteinstiche in blutleeren Herzkammern.
30.9.2004
Katalog selbst, Hg. Galerie des Bezirks Oberbayern, 2008
Petra Gerschner
Der
Künstler Michael Jochum nimmt sich selbst
zum Bildgegenstand. Er ist Fotograf und Abgebildeter, Akteur und Beobachter zugleich. In einem
spielerischen Arbeitsprozess entwickelt er aus schnellen gestischen Bewegungen
seine visuellen Untersuchungen der eigenen Person. Bei der Aufnahme ist Michael
Jochum immer allein. Er hält die Kamera in direktem Kontakt zum Körper in
seiner Hand und bestimmt den Moment des Auslösens intuitiv. Jochum hebt die
Grenze zwischen Subjekt und Objekt in der fotografischen Aktion auf. Was als
Bild entsteht, entzieht sich der exakten Kontrolle während der Aufnahme. Die
Bildperspektiven verändern sich mit den Körperhaltungen und Bewegungen. Der
maximale Abstand der Kamera zur Bildebene entspricht seinen eigenen Körpermaßen. Aufgenommen mit einem Normalobjektiv
gleichen die Abbildungen dem Blickwinkel des menschlichen Auges. Das
Umgebensein von vorgefundenen Materialien an unterschiedlichen Orten
bezieht Jochum in den fotografischen
Aufnahmeprozess ein. Herumliegende Gegenstände, die er als Kopfbedeckungen oder
Accessoires in seine Selbstanordnungen integriert, versteht er als Verlängerung
des Körpers im Raum oder als Gebilde, die sich vor den Blick stellen und die
Außensicht verwehren. Das Experiment ist wichtig. Jochum verfolgt mit seinen
Porträts keine identitären Festschreibungen. Er geht Spuren nach, die sich
andeuten und lotet die Vielfalt der Möglichkeiten und Zustände aus. Seine
Bilder sind entkoppelt von persönlicher
Erinnerung, die nicht übertragbar ist. Selbst
ist Teil einer umfassenden fotografischen Arbeit, die der Künstler immer wieder
in neue bildsprachliche Zusammenhänge stellt und verändert. In den Bildern geht
es um Leben und Tod und Zwischenräume - feinfühlig, schonungslos, existentiell.
Petra Gerschner
Michael Jochums Fotografien halten „Übergangsriten" fest
Die Abbildgenauigkeit, diese „unnachahmliche Treue" der Fotografie, von der einst Alexander von Humboldt sprach, sie machte den künstlerisch Ambitionierten lange Zeit Probleme. Inzwischen können die technisch gewonnenen Abbilder - wie der Kunstmarkt zeigt - gar nicht groß und in ihrer optischen Präzision nicht scharf genug sein, gleichwohl bleibt die grundlegende Frage nach der Transzendenz, die dem Ansichtigen erst künstlerisch-ästhetischen Rang verleiht. Der Fotografie sind Symbole, Allegorien und Metaphern zwar nicht fremd, als tradierte Ausdrucksformen aber weit weniger selbstverständlich, als den seit nunmehr Jahrhunderten praktizierten Bildmedien der Kunstgeschichte mit ihrer tradierten Ikonografie und Ikonologie.
Es gehört zur Auffälligkeit der fotografischen Bilder von Michael Jochum, daß ihm diese Gratwanderüng zwischen bildhafter Konkretion wie transzendierender Abstraktion scheinbar mühelos gelingt, obwohl seine Bildserie mit anspruchsvollem Titel daherkommt. „Rites de passage" nennt er seine Ausstellung in der Giedre Bartelt Galerie in Charlottenburg sowie ein kleines Fotobuch - ein Titel, den er von dem französischen Völkerkundler und Anthropologen Arnold van Gennep entlehnt hat, der 1909 in Paris sein berühmtes Buch mit dem Titel „Les Rites de Passage" herausbrachte.
Mit dem Begriff der „Übergangsriten" beschrieb er solche Riten, die einen Übergang in einen neuen Lebensabschnitt oder eine neue Gemeinschaft begleiten. So markiert die Konfirmation als kirchlicher Ritus den Übergang, bei dem Jugendliche formell in den Kreis der Kirchengemeinschaft aufgenommen werden und die Trennung von der Kindheit vollziehen, mit nachfolgender mentaler Umwandlung und Anpassung an das Erwachsenendasein.
Michael Jochum, der 1953 in Wien geboren wurde und seit Ende der siebziger Jahre als Autodidakt fotografiert, übersetzt diesen Grundgedanken der „Übergangsriten" in eine generelle Metaphorik des Lebens und des Todes. Der unmittelbare und überaus fesselnde Eindruck seiner Fotografien, die sich unpassepartou-riert in schwarzen Rahmen gefaßt und in Gruppen gegliedert über die beiden Galerieräume verteilen, kann nur als düster, bedrohlich, aber zugleich als geheimnisvoll bezeichnet werden. Aus dem Dunkel des vermeintlichen Universums blitzt Licht auf, das Leben spendet, einen Menschenkörper formt, der sich sogleich als höchst verletzbar erweist. Ein Blütenstengel gerät zum Synonym biologischer Fruchtbarkeit, zu einer Fruchtbarkeit, die im 'nächsten Bild schon wieder dem Tod nahe steht. Der Mensch in seinen geistigen wie körperlichen Merkmalen nimmt vollends Gestalt an, bleibt jedoch verwundbar und hat auch sonst durch ein Dickicht von Undurchschaubarkeiten zu gehen. Auf dieser Bahn erfolgt die biologische Reproduktion, das Kind als ein Quell der Freude und der Lichtseiten. Dann die tägliche Reproduktion mit Körperpflege und Hausputz. Am Ende der organische Zerfall menschlicher Kreatur. So oder so ähnlich lassen sich die verbalen Subtexte vom Werden, Sein und Vergehen in seinen Bildern lesen.
Stilistische Anregungen bekam Michael Jochum, wie er in seiner Biographie betont, von Michael Schmidt, bei dem er 1988 in Salzburg an einem Sommerkurs teilnahm. Seitdem arbeitet er als freischaffender Fotograf. 1995 gründete er in Augsburg das „Fotowerk", wo er seitdem Workshops durchführt und Ausstellungen einrichtet. Die zunächst ohne spezifischen Themenzusammenhang in den Jahren von 1994 bis 1998 real vorgefunden, inszenierten oder aber von existierenden Fotografien reproduzierten Motive mit teils anamorphotischen Effekten schwelgen in mystischen Grau- und Schwarztönen, wie sie in dieser Differenzierung nur das fotografische Silber hervorbringt.ENNO KAUFHOLD
Giedre Bartelt.Galerie, Wielandstraße 31, Charlottenburg, Dienstag bis Freitag 14 bis 18.30 Uhr, Samstag 11 bis 14 Uhr, bis 22. Dezember.